Das Galeriegrab Calden II

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Dirk Raetzel-Fabian

Abstract

Completely excavated between 1990 and 1992, the Calden II gallery grave offers, despite being largely damaged, detailed information on its construction principles. Foundation trenches for the sidestones and the grave floor had been dug into the limestone close to the surface. Architecture and ritual correspond to grave I 1 km distant, but finds and radiocarbon dating suggest a close connection with the re-use (phase B) of the nearby enclosure (c. 3200 - 3000 BC). Traces of cremations between the bones of the regular burials indicate the existence of different funeral rites. The "de-construction" of the grave in the course of ritual activities is well illustrated by the removal of a sidestone and the deposition of a sheep in the Middle Bronze Age.

Lage und Entdeckung

Grab II liegt unmittelbar südlich des Erdwerks, ca. 100 m außerhalb des Grabenringes. Direkt unter einem Wirtschaftsweg gelegen, wurde die Anlage bereits 1969 beim Verlegen einer Wasserleitung angeschnitten, jedoch als zerstörtes Hügelgrab interpretiert und nicht weiter untersucht. Eine Überprüfung der damaligen Fundumstände anläßlich der ab 1988 laufenden Untersuchungen am Erdwerk ließ jedoch den Verdacht auf ein Galeriegrab aufkommen, zumal 1969 größere Quarzitblöcke und menschliche Knochen zutage gekommen waren. Ein erster Suchschnitt 1990 bestätigte den Verdacht; in der Folge wurde die Anlage parallel zu den Grabungen im Erdwerk bis 1992 vollständig untersucht.

Wintergrabung 1991/92 Lage des Fundortes (Link zu: Gesamtplan)
Abb. 1: Wintergrabung 1991/92.

Fig. 1: Winter campaign 1991/92.

© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel

Abb. 2: Lage des Fundortes ca. 100 m südlich des Doppelgrabensystems.

Fig. 2: Location of the site c. 100 m  south of the enclosure.

© Dirk Raetzel-Fabian

Grabarchitektur

Die Eingriffe durch die Baumaßnahme von 1969 und weitere Störungen von der Bronzezeit bis ins Mittelalter haben die Anlage weit mehr als Grab I in Mitleidenschaft gezogen. Daß dennoch eine vollständige Rekonstruktion des Grund- und Aufrisses möglich ist, liegt an der besonderen Konstruktionsweise: Ähnlich wie im Bereich des Erdwerks wurden die Fundamentgräben für die Wandsteine in den dicht unter der Oberfläche anstehenden Muschelkalk eingetieft; gleiches gilt für die Grabsohle. In dieser Form erwiesen sich die Befunde als äußerst robust gegenüber späteren Störungen.

Fundamentgräben im Eingangsbereich Fundamentgräben im rückwärtigen Bereich

Abb. 3: Eingangsbereich des Grabes mit Fundamentgräben und eingekipptem Wandstein. Blick nach Norden.

Fig. 3: Foundation trenches in the entrance area and dumped sidestone. View to the north.

© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel

Abb. 4: Rückwärtiger (westlicher) Teil des Grabes mit Grabsohle und Wandsteinresten in den Fundamentgräben. In diesem Bereich wurden intakte Bestattungsschichten angetroffen. Blick nach Süden.

Fig. 4: Rear (western) part of the chamber after the removal of the skeletal remains. Foundation trenches with a damaged sidestone (in situ) in the foreground. View to the south.

© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel

Das Grab ist südwest-nordöstlich ausgerichtet, der Eingang befand sich im Nordosten. Die Außenlänge beträgt 11,9 m, die maximale Breite des Befundes 3,8 m. Anhand von Standspuren in den Fundamentgräben und in späterer Zeit angelegten Ausbruchgruben zum Entfernen von Steinen kann die ehemalige Anzahl der Wandsteine auf 18 hochgerechnet werden. Drei noch erhaltene Exemplare im vorderen wie hinteren Bereich der Anlage ermöglichen eine Rekonstruktion der lichten Höhe der Grabkammer: Sie lag bei ca. 1,4 m im Eingangsbereich und 1,05 m im hinteren Teil der Kammer. Wie bei Grab I bleibt die Gestaltung des Eingangs unsicher. Anhand der Parallelen aus dem übrigen Arbeitsgebiet ist ein Zugang in die Kammer durch einen Lochstein hindurch jedoch die wahrscheinlichste Variante.

Die Anlage dürfte zur Zeit ihrer Benutzung überhügelt gewesen sein. Zahlreiche Kalk- und Sandsteinplatten um das Grab herum sprechen für einen mit Plattenlagen eingefaßten Hügelfuß und eine Fassade aus Trockenmauerwerk im Eingangsbereich.

Rekonstruktion der Grabarchitektur
Abb. 5: Rekonstruktionsversuch auf der Grundlage des Gesamtplans.

Fig. 5: Suggested reconstruction of the gallery grave. Black filled sidestones in the ground plan indicate orthostats, which have survived, offering information on the height of the chamber . The reconstructed positions of the side stones and capstones (both hatched) depend partly on features observed in the limestone bedrock. The perforated entrance stone ("Lochstein") suggested here is a common feature in gallery graves.

© Dirk Raetzel-Fabian

Bestattungen

Trotz der massiven Störungen waren die Bestattungslagen im hinteren Drittel des Innenraumes gut erhalten. Das Totenritual erscheint dabei in großen Teilen identisch mit den Beobachtungen in Calden I. Die Beobachtungen während der Grabung und die anthropologischen Analyse durch Kerstin Pasda (Erlangen) bestätigen, daß auch hier die Verstorbenen in gestreckter Rückenlage längs zur Grabachse und mit dem Kopf zum Eingang niedergelegt wurden. Daneben gibt es Indizien für eine Orientierung von Kindern quer zur Hauptbestattungsrichtung. Vereinzelt auftretender Leichenbrand belegt birituelle Bestattungsweise, ein in der Wartbergkultur mehrfach auftretender Befund (Altendorf: Jordan 1954; Rimbeck: unpubl.). Die Mindestindividuenzahl liegt bei 78; bezogen auf den gesamten Innenraum kann also von mindestens 200 ehemals Bestatteten ausgegangen werden.

Detail der Bestattungsschicht Bestattungsschicht, Übersicht

Abb. 6: Teilzerstörte Bestattung einer adulten Frau. Unmittelbar nordwestlich eine flankierende Steinsetzung.

Fig. 6: Burial of an adult woman. This feature can be seen in Fig. 7 directly above the scale.

© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel

Abb. 7: Übersicht über die erhaltene Bestattungsschicht im rückwärtigen Teil des Grabes; eingekippte Wandsteine (links unten, oben). Die Bestattung aus Abb. 6 befindet sich unmittelbar über dem Maßstab.

Fig. 7: The burial layer in the rear part of the chamber.

© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel

Tontrommeln

Beigaben

Auch die Beigabensitte entspricht den Verhältnissen in Grab I. Keramische Funde konzentrieren sich auf den Eingangsbereich vor dem Grab, mit Indizien für eine in situ-Zerscherbung. Zu den Gefäßformen zählen eine Trommel mit Lochbuckelverzierung im Fußbereich Abb. 8 unten), eine tiefstichverzierte Schale, eine kalottenförmige Schale mit Bandhenkel, ein Kragenflaschenfragment und Randscherben von eiförmigen Töpfen mit tiefen Einstichen unterhalb des Randes, wie sie als Leitform in der Nutzungsphase B des Erdwerks auftreten. Ebenfalls im Eingangsbereich wurde das Fragment eines großen Rechteckbeiles aus Wiedaer Schiefer gefunden. Aus dem Inneren der Kammer stammt eine Trommel, die wohl nicht als Ausstattung einer bestimmten Person, sondern eher als Instrument im Rahmen des Totenkultes interpretiert werden muß (Abb. 8 oben).

Abb. 8: Trommelgefäße aus der Grabkammer (oben) und aus dem Eingangsbereich. Höhe des kleinen Gefäßes 21,5 cm.

Fig. 8: Pottery (drums). 

© Staatliche Museen Kassel (Zeichnung: Heidi Hogel)

Durchbohrte Tierzähne in situ

Abb. 9: Detail der Bestattungsschicht mit durchbohrten Tierzähnen vom Pferd und Braunbär (Bildmitte).

Fig. 9: Detail of the burial layer with perforated teeth of horse (equus) and  brown bear (ursus arctos) in the centre.

© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel

Die übrigen Funde aus der Bestattungsschicht bestehen aus durchbohrten Tierzähnen (Hund, Fuchs, Dachs, Wolf, Pferd, Braunbär; Bestimmung: Kerstin Pasda, Erlangen), unretuschierten Flintklingen sowie einer Reihe von triangulären und querschneidigen Pfeilbewehrungen aus Flint und Kieselschiefer. Bemerkenswert ist eine ringförmige Bernsteinperle sowie eine polierte, durchbohrte Knochenscheibe.

Datierung

Zwei 14C-Daten an Knochen aus der Bestattungsschicht ergaben gegenüber Calden I ein deutlich jüngeres Alter (um 3100 v. Chr.). Dieses Ergebnis stimmt mit den unmittelbaren Bezügen der Keramik zur Nutzungsphase B des Erdwerks und der typochronologischen Datierung der Tiefstichkeramik überein (Trichterbecher-Westgruppe, Horizont Brindley 4).

Spätere Aktivitäten im Grabbereich

Wann die „Demontage" des Grabes, die Extraktion der ersten Wandsteine begonnen hat, ist nicht zu ermitteln. Becherscherben im Störungsbereich oberhalb eines verkippten Wandsteins gehören in die Zeit der (frühen?) Einzelgrabkultur. Am Ende der mittleren Bronzezeit (nach 14C-Daten) wurde ein Abschlußstein auf einer der Längsseiten entfernt, in der entstandenen Grube ein Feuer entfacht und nach dem Erkalten der Glut ein sechs Monate altes Schaf niedergelegt (Abb. 10). Im Anschluß wurde das Tier mit einer Steinpackung abgedeckt. Es ist denkbar, daß mit diesen rituellen Aktivitäten auch die Versenkung des unmittelbar benachbarten Wandsteines zusammenhängt, für den eine Grube in den anstehenden Kalk des Kammerbodens geschlagen wurde (vgl. Abb. 3). Ein dichter Scherbenschleier belegt in der Folge bis in die Eisenzeit hinein Aktivitäten am Grab. Für den besonders massiven südöstlichen Abschlußstein ist schließlich eine Extraktion im Hochmittelalter nachweisbar.

Tierniederlegung im Fundamentgraben

Abb. 10: Niederlegung eines Schafes im Abschluß eines Fundamentgrabens.

Fig. 10: Deposit of a sheep (ovis) within a foundation trench. The deposition can be dated to 1300 - 1200 calBC by radiocarbon.

© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel

Die Gräber Calden I und II im Vergleich

Während das in beiden Fällen verwendete Baumaterial Tertiärquazit von der lokalen Verfügbarkeit bestimmt wurde, sind in den Abmessungen der Kammern deutliche Ähnlichkeiten vorhanden. Augenfällig wird dies in der identischen Kammerbreite, eine Übereinstimmung, die kaum auf Zufall beruhen dürfte. Der Abstandswert für die Mittellinien der Fundamentgräben, der zwischen 2,65 und 2,80 schwankt, entspricht dem Zweifachen des Maßes, das für die Breite der Zugänge in das Erdwerk hinein ermittelt wurde. In der Länge scheint Calden I die spätere Anlage um ein Wandsteinpaar zu übertreffen.

Grabritus und Beigabensitte entsprechen sich bis ins Detail. Lediglich Leichenbrand wurde in Calden I nicht beobachtet, was aber möglicherweise auf die damalige Grabungstechnik zurückzuführen ist. Umso mehr erstaunt der zeitliche Abstand zwischen den Anlagen. Grab I wurde, nach der Keramik und den 14C-Daten zu urteilen, am Beginn der Wartbergentwicklung um oder noch vor 3400 v. Chr. errichtet. Für Grab II gibt es dagegen keine Indizien, die eine Konstruktion vor wesentlich vor 3200 v. Chr. zulassen; die beiden Anlagen folgen demnach zeitlich aufeinander, verbunden durch eine gemeinsame Tradition in Architektur und Ritus.

 

Literatur

Brindley, A.L.:
The typochronology of TRB West Group pottery. Palaeohistoria 28, 1986, 93-132.

Günther, Klaus:
Die Kollektivgräber-Nekropole Warburg I-V. Bodenaltertümer Westfalens 34. Mainz 1997.

Jordan, Wilhelm:
Das Steinkammergrab von Altendorf, Kr. Wolfhagen. Kurhessische Bodenaltertümer 3 (Hrsg. Otto Uenze). Marburg 1954, 5-26.

Raetzel-Fabian, Dirk:
Die archäologischen Ausgrabungen bei Calden 1988-1992. Vom Befund zur Interpretation. Jahrbuch `93 des Landkreises Kassel. Kassel 1992, 7-14. [zum Text]

Dirk Raetzel-Fabian:
Calden: Erdwerk und Bestattungsplätze des Jungneolithikums. Architektur - Ritual - Chronologie.
Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 70. Bonn 2000.

Uenze, Otto:
Das Steinkammergrab von Calden, Kr. Hofgeismar. In: Steinzeitliche Grabungen und Funde (Hrsg. Otto Uenze). Kurhessische Bodenaltertümer 1. Marburg 1951, 22-31.