Das Erdwerk (1) - Befunde

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Dirk Raetzel-Fabian

Abstract

The Calden causewayed enclosure consists of a double-ditch system, covering an area of 14 ha. Two parallel palisade trenches, accompaning the inner ditch, can be reconstructed as a wall, constructed of timber and earth. Access was possible at seven points (causeways), each of which was controlled by a wooden building of a similar ground plan, which would allow only one person at a time pass through into the inner range. The architecture of these gateways is unique in Neolithic Europe. The façade (front) of the enclosure faces towards south-west; a direct connection to a long distance track from the Hellweg zone to the Kassel basin, leading by in the direct vicinity, is highly probable. Several features underline the role of the enclosure as a place where ritual and mortuary activities were carried out in a context of representation, territoriality and communication towards the outer sphere.
The use of the enclosure can be divided into three main phases: A - c. 3700 / 3600 BC: construction and first refilling of the ditches. Sparse late Michelsberg and Baalberge material. B - c. 3200 / 3000 BC: Re-use and re-cutting of the ditches, no more palisades. Horgen-like pottery of the older Wartberg Culture and some Tiefstich sherds (TRB-Westgroup). C - c. 2900 / 2000 BC: Continuous re-use of the ditches. In the uppermost part of the filling traces of the Single Grave Culture (Einzelgrabkultur).

Lage

Das Erdwerk liegt unmittelbar südlich des Flughafens "Kassel-Calden" an einem leicht ansteigenden, von verschiedenen Seiten gut einsehbaren Hang. Bemerkenswert ist die Position im Bereich einer nordsüdlich verlaufenden Wasserscheide, die im Nord- und Südwesten des Erdwerks in einer ausgeprägten Schichtstufe sichtbar wird. Die potentiell zugehörigen Siedlungsräume sind nordöstlich im Bereich der heutigen Orte Calden und Grebenstein zu suchen (vgl. Artikel Calden: Rituelle Landschaft).

Luftbild der Umgebung

Abb. 1: Das Untersuchungsgebiet aus der Luft (1992). Blick nach Südwesten. Das Erdwerk erstreckt sich auf den Feldern zwischen Flughafen und Wald. Zu erkennen sind zwei Ausgrabungsflächen (N und O, vgl. Text und Abb. 3). Rechts oben im Hintergrund der Hohe Dörnberg.

Fig. 1: The area of research from the air. The enclosure is located between the airport and nearby forest. Two excavation areas are visible (N , O,  cf. Fig. 3).

© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel

Luftbild des Erdwerks

Abb. 2: Luftbild des Erdwerks (1988). Das Grabensystem verläuft weitgehend konzentrisch um das Wegkreuz in Bildmitte. Norden rechts oben.

Fig. 2: Aerial view of the Calden enclosure. The ditch system extends almost concentrically around the crossroads in the centre of the picture.

© Otto Braasch / Landesamt für Denkmalpflege Wiesbaden / Staatliche Museen Kassel

Architektur der Umfassungsanlagen

Das Erdwerk besteht aus einem geschlossenen Doppelgrabensystem, das insgesamt eine Fläche von 14 ha einnimmt. Der Außenumfang beträgt ca. 1350 m. An insgesamt 7 Stellen weist der Grabenverlauf 8 bis 10 m breite Lücken auf. Die Gesamtsituation ist durch entzerrte Luftbilder und Magnetometermessungen weitestgehend erfaßt (Abb. 3).

Gesamtplan des Erdwerks

Abb. 3: Gesamtplan des Erdwerks mit Grabungsarealen (A-O) und Unterbrechungen im Grabenverlauf (1-7). D: Galeriegrab Calden II. Abstand des Gitternetzes 200 m.

Fig. 3: Plan of the Calden causewayed enclosure. A-O: excavation areas. 1-7: interruptions of the ditch system (gateways). D: gallery grave Calden II. Grid distance 200 m.

© Dirk Raetzel-Fabian

Gräben

Die Gräben wurden in den meist dicht unter dem Pflughorizont anstehenden Muschelkalk eingetieft; hieraus erklären sich auch die sehr deutlichen Bewuchsmerkmale. Die erhaltene Grabentiefe im Kalk schwankt zwischen 1,7 und 0,4 m. Die Grabensohle ist in der Regel eben gearbeitet, insbesondere dort, wo die plattige Struktur des Muschelkalkes die plane Gestaltung begünstigte (Abb. 4). Die heutige Breite der Gräben an der Muschelkalkoberfläche beträgt ca. 2,5 bis 3 m.

Die Grabenbreite zur Zeit der Nutzung betrug - ausgehend von der rekonstruierten damaligen Bodenmächtigkeit - im Mittel 5 m, die Tiefe ca. 1,8 bis 2,7 m. Hinter dem inneren Graben verlief ein doppelter Palisadenstrang, der nach Detailbeobachtungen als Holz-Erde-Mauer rekonstruiert werden kann. Die Fundamentgräben für die Palisaden erreichen eine Tiefe von bis zu 0,4 m im Kalk. Eine zweite Doppelpalisade verlief im Bereich zwischen den beiden Gräben; ihre schwache Gründung, die den Muschelkalk kaum noch erreichte, könnte auf eine Funktion als Stützkonstruktion für eine Wallanschüttung sprechen.

Blick in einen Erdwerksgraben

Abb. 4: Blick in einen ausgenommenen Graben (Außengraben, Areal A).

Fig. 4: Outer ditch after removal of the fill (excavation area A).

© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel

Einbauten

Bisher einzigartig für das Neolithikum sind die Befunde im Bereich der Grabenunterbrechungen. Insgesamt 6 der 7 Grabenlücken wurden durch Ausgrabungen untersucht; die siebte, im Süden gelegen, wurde aufgrund problematischer Bodenverhältnisse lediglich mit Hilfe einer hochauflösenden Magnetometermessung prospektiert. In allen Grabungsarealen zeigte sich übereinstimmend, daß der Bereich zwischen den Grabenköpfen Standplatz komplizierter Einbauten war, die den Zugang ins Innere des Erdwerks regelten. Konstruktionsweise und Einbindung in die Umfassungsanlagen lassen sich am besten an dem hervorragend erhaltenen Befund im Südwesten der Anlage (Unterbrechung 5; Abb. 5-8) erläutern:

Luftbild Areal A

Abb. 5: Luftbild des Einbaus in Areal A.

Fig. 5: Aerial view of excavation area A (gateway).

© Otto Braasch / Landesamt für Denkmalpflege Wiesbaden / Staatliche Museen Kassel

Grabungsplan Areal A

Abb. 6: Grabungsplan Areal A., Teilrekonstruktion.

Fig. 6: Excavation plan of area A, reconstruction.

© Dirk Raetzel-Fabian

Rekonstruktion (Link zu: Farbdarstellung)

Einbau-Fundamentgräben

Abb. 7: Einbau in Areal A. Detail der Fundamentgräben (Bereich der inneren Querwand).

Fig. 7: Foundation trenches of the gateway in excavation area A.

© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel

Pfostenwiderlager

Abb. 8: Pfostenwiderlager im Zugangsbereich des Einbaus in Areal A (Bereich des äußeren Querriegels).

Fig. 8: Posthole and foundation trench in area A. The posthole is part of the gateway construction, allowing access through the building into the inner enclosure.

© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel

Kennzeichnend ist eine zweiräumige Konstruktionsweise, deren Grundriß als doppelt trapezoid umschrieben werden kann. Breite und Tiefe der Fundamentgräbchen belegen in Verbindung mit botanischen Bestimmungen von Holzkohle, daß die Gebäude ehemals aus massiven, senkrecht aufgehenden Eichenholzbohlen bestanden. Die Außenwand riegelte die Lücke zwischen den Köpfen des äußeren Grabens hermetisch ab. Der Fundamentgraben wurde entweder durchlaufend angelegt oder ist für einen Zugang unterbrochen; Pfostenspuren (Abb. 8) und Details der Verfüllung zeigen aber, daß oberirdisch in allen Fällen ein Zugang vorhanden war. Betrat man den äußeren Raum, so verjüngten sich dessen Wände in Richtung der zweiten, inneren Querwand auf der Höhe des inneren Grabens. Durch eine schmale Pforte erreichte man den Innenraum, dessen Wände sich wiederum verjüngten - nun zum Durchgang durch die Holz-Erde-Mauer in das Innere des Erdwerks hinein.

Luftbild Areal G Grabungsplan Areal G
Abb. 9: Luftbild des Einbaus in Areal G.

Fig. 9: Aerial view of excavation area G (gateway).

© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel

Abb. 10: Grabungsplan Areal G.

Fig. 10: Excavation plan of area G.

© Dirk Raetzel-Fabian

 

Luftbild Areal N Grabungsplan Areal N

Abb. 11: Luftbild des Einbaus in Areal N (vermuteter Hauptzugang zum Erdwerk).

Fig. 11: Aerial view of excavation area N (probably the main entrance).

© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel

Abb. 12: Grabungsplan Areal N.

Fig. 12: Excavation plan of area N.

© Dirk Raetzel-Fabian

 Die Palisadengräben zeigen im Bereich dieser Durchgänge z.T. ebenfalls keine Unterbrechung; auch hier sind aber regelmäßige Pfostenspuren vorhanden, die eine Durchgangsmöglichkeit belegen. Eine Ausnahme bildet der Zugang im Norden, der im vorderen Teil offen gestaltet war (Abb. 11-12). Doch auch hier verengte sich der Zugang spätestens beim Passieren des Palisadengürtels (bzw. der Holz-Erde-Mauer). Die Übereinstimmungen im Grundriß zeigen, daß die Einbauten nach einem einheitlichen, zuvor festgelegten Bauplan errichtet wurden; allerdings sind zwischen den einzelnen Gebäuden erhebliche Unterschiede in den Längen- und Breitenmaßen festzustellen. Auffällig konsistent sind aber die lichten Maße für die Durchgänge: Sie betragen übereinstimmend ca. 1,35 m, wobei in vielen Fällen ein zusätzlicher Pfosten im Durchgang die Passage erschwert und den pfortenartigen Charakter der Durchlässe unterstreicht.

 

Literatur

Dirk Raetzel-Fabian:
Der umhegte Raum. Überlegungen zur Funktion monumentaler Erdwerke. In: Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte 81, 1999, 81-117.

Dirk Raetzel-Fabian:
Calden: Erdwerk und Bestattungsplätze des Jungneolithikums. Architektur - Ritual - Chronologie.
Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 70. Bonn 2000.