Das Erdwerk (2) - Funde, Chronologie, Nutzung

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Dirk Raetzel-Fabian

Abstract

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Grabenverfüllung

Präparation von Funden auf der Grabensohle Funde auf der Grabensohle: Detail

Abb. 1: Präparation eines Fundensembles auf der Grabensohle (Außengraben, Areal G).

Fig. 1: A deliberately placed assemblage of finds on the floor of the ditch, deposited shortly after the completion of the enclosure.

© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel

Abb. 2: Detail. Tierknochen, Rinderhornzapfen (unten links, menschlicher Schädel (rechts).

Fig. 2: Detail: animal bones, cattle horn (bottom left), human skull (right).

© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel

Geweihhacke im Außengraben Geweihhacke in Grube

Abb. 3: Fund einer Hirschgeweihhacke im Bereich der Grabensohle (Außengraben, Areal A).

Fig. 3: Antler pick above the floor of an outer ditch (area A).

© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel

Abb. 4: Grube mit z.T. rot geglühten Kalksteinen und Hirschgeweihhacke (rechts; Einbaubereich, Areal E).

Fig. 4: Pit with heat-reddened limestone blocks and an antler pick (right).

© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel

Während der Untersuchungen bestand die Möglichkeit, einen ausgehobenen Graben über Winter ungeschützt offen stehen zu lassen. Trotz nur weniger Frosttage zeigten sich erhebliche Verwitterungserscheinungen an den Grabenflanken. Da alte Erosionsspuren größeren Ausmaßes an den frisch ausgegrabenen Grabenflanken nicht zu beobachten waren, muß die Verfüllung der Gräben also mehr oder weniger unmittelbar nach deren Ausheben erfolgt sein. Das Füllmaterial bestand im wesentlichen aus Kalksteinschotter, durchmischt mit wechselnden Bodenanteilen, Tierknochenfragmenten und wenig Keramik (ca. 17 kleinteilige Scherben auf 1 m Grabenlänge). Auf der Grabensohle und in basisnahen Schichten fanden sich gehäuft Hirschgeweihhacken und Geweihfragmente (Abb. 3, 5-6). In zwei Grabenköpfen wurden auf der Sohle Ensembles aus menschlichen Schädelteilen, Rinderhornzapfen, größeren Tierknochen und Steinen freigelegt (Abb. 1-2). Einzelne kleinere menschliche Skeletteile traten auch in höheren Grabenschichten auf.

Die sehr homogen wirkende Kalksteinverfüllung verhinderte eine detaillierte Rekonstruktion der Verfüllgeschichte, doch zeigte sich dort, wo in den Profilen Bodenlinsen oder unterschiedliche Kalksteinvarietäten auftraten, daß mit sehr kleinräumigen, chaotischen und im wesentlichen wohl anthropogenen Verfüllprozessen gerechnet werden muß.

Hirschgeweihhacken

Abb. 5: Geweihhacken. Länge des unteren Exemplars 25 cm.

Fig. 5: Antler picks.

© Staatliche Museen Kassel (Zeichnung: Heidi Hogel)

Hirschgeweihstange

Abb. 6 (oben): Geweihstange.

Fig. 6 (top): Antler.

Gefäßscherben

Abb. 7: Zusammengehörige Fragmente eines Gefäßes aus der Grabenfüllung (Nutzungsphase B).

Fig. 7: Pottery sherds of a single vessel from the fill (phase B).

© Dirk Raetzel-Fabian

Chronologie und Nutzungsgeschichte

Zur Rekonstruktion der Nutzungsgeschichte des Erdwerks kann auf 28 14C-Daten an Holzkohle und Tierknochen zurückgegriffen werden. Das Probenmaterial stammt aus der Grabenfüllung und von Holzkohle, die bei partiellen Bränden im Bereich der Einbauten entstand. Danach ergeben sich folgende Nutzungsphasen:

Hauptnutzungsphase A

Die Auswertung der Datierungen für die Einbauten und basisnahen Grabenschichten ergibt übereinstimmend eine Errichtung und erste Grabenverfüllung ca. im 37. Jh. v. Chr. Die Niederlegungen im Bereich der Grabensohle gehören in diesen Abschnitt, dazu geringe Mengen Keramik, die Bezüge zu Michelsberg V in der Wetterau (Höhn 1994) und Ostwestfalen (Pfeffer 1999) und zur Baalberger Kultur Mitteldeutschlands aufweist. Für eine spätere Erneuerung der Palisadenanlagen gibt es keine Hinweise. Einzelne Daten aus der Grabenfüllung belegen Aktivitäten auch ca. im 35. Jh. Man kann vermuten, das durch Manipulationen des Grabeninhaltes in Phase B früheres Material verloren gegangen ist.

Keramik der Nutzungsphase A

Abb. 8: Keramik der Phase A. Höhe des Trichterbechers (oben) 14,5 cm.

Fig. 8: Pottery of phase A (3700 / 3600 BC).

© Staatliche Museen Kassel (Zeichnung: Heidi Hogel)

Hauptnutzungsphase B

Der weitaus größte Teil der Keramik stammt aus einer zweiten intensiven Aktivitätsphase, in der tiefgreifende Manipulationen der Grabenfüllung stattfanden. Als Ergebnis liegen häufig Tierknochen der Phase A mit jüngerer Keramik in den gleichen Schichten. An einigen Stellen wurde zu diesem Zeitpunkt auch alter Brandschutt aus dem Bereich der Einbauten in die Gräben gefüllt. Wenige 14C-Daten und nicht zuletzt die typologische Einordnung der Keramik ermöglichen eine Datierung dieser Phase zwischen 3200 und 3000 v. Chr. Leitformen der Keramik sind große eiförmige Töpfe mit z.T. stark einziehendem Rand und tiefen randbegleitenden Einstichen oder Lochbuckelverzierung. Typologisch sind sie eng mit dem älteren Horgen der Nordschweiz verbunden (u.a. Feldmeilen-Vorderfeld). Übereinstimmend hiermit tritt Keramik der Trichterbecher-Westgruppe auf (Stufen Brindley 4 und 5).

Keramik der Nutzungsphase B (Erdwerk, Grab II)

Abb. 9: Keramische Leitformen für Nutzungsphase B des Erdwerks und Gefäße aus dem Galeriegrab Calden II (ca. 3200 - 3000 v. Chr.). Rechts unten Schale mit Tiefstich-Verzierung. Ohne Maßstab.

Fig. 9: Characteristic pottery from the enclosure (phase B) and from the gallery grave Calden II (c. 3200 - 3000 BC). Bottom right: bowl with Tiefstich* decoration.*

© Staatliche Museen Kassel (Zeichnung: Heidi Hogel)

Hauptnutzungsphase C

Die dritte, nur noch in den obersten Grabenschichten greifbare Aktivitätsphase fällt in die Zeit der Einzelgrabkultur. Ein Becher mit kurzer Schnurzone des Typs Glasbergen 1a konnte mit Hilfe verkohlten Getreides (Hordeum sp.) aus der unmittelbaren Umgebung um 2900 v. Chr. datiert werden. Bei den übrigen Indizien handelt es sich wenige Scherben mit Fischgrätverzierung und isolierte Daten ohne Bezug zum archäologische Material, die zusammen eine fortgesetzte Nutzung der Gräben auch in der jüngeren Einzelgrabkultur (ab 2600 v. Chr.) und bis an die Wende zum 2. Jt. belegen.

Funktion und Kontext

Zur Frage der ursprünglichen Funktion des Erdwerks gibt es eine Reihe von grundlegenden Beobachtungen:

  • Die den Zugang regelnden Bauten hatten den Charakter von schleusenartigen Pforten, die durch ihre spezielle Architektur den Durchgang „dramatisierten". Für ein alltägliches Passieren waren diese Konstruktionen denkbar ungeeignet.
  • In einem Fall wurde auf die Ausführung einer inneren Querwand verzichtet; statt dessen wurde an dieser Stelle eine Hirschgeweihhacke in einer Grube mit verbrannten Steinen niedergelegt.
  • Die Erdwerksgräben wurden mehr oder weniger unmittelbar nach ihrer Fertigstellung wieder verfüllt; eine Funktion als Annäherungshindernis ist somit zweifelhaft. Startpunkt des Verfüllungsprozesses ist die Niederlegung verschiedener Fundensembles auf der Grabensohle, darunter menschliche Skeletteile.
  • Insgesamt wurden Skeletteile von ca. 13 Individuen angetroffen. Hochgerechnet auf die gesamte, nicht vollständig untersuchte Grabenstrecke ergäbe sich eine Zahl von weit über hundert Individuen.
  • Im Inneren der Anlage sind keine eindeutigen Siedlungsspuren nachweisbar. Erosion als alleinige Ursache hierfür scheidet aufgrund verschiedener Beobachtungen aus.

 

Querschnitt durch das Grabensystem (Rekonstruktion)

Abb. 10: Rekonstruktion. Querschnitt durch das Doppelgrabensystem.

Fig. 10: Reconstruction. Cross-section of the ditch system.

© Dirk Raetzel-Fabian

Einbau Areal A (Rekonstruktion)

Abb. 11: Schematische Rekonstruktion des Einbaus in Unterbrechung 5 (Areal A) ohne mögliche Überdachung. Höhe der "Meßlatte": 2 m.

Fig. 11: Schematic reconstruction of gateway 5 (area A).

© Dirk Raetzel-Fabian

Die weitere Nutzung des Erdwerks nach der primären Phase der Errichtung und Nutzung ist durch intensive Manipulationen der Grabenfüllung, das Ausheben und Wiedereinfüllen von Material und Kulturresten, gekennzeichnet. Zu verfolgen sind diese Vorgänge, die man als eine zähe Tradition bezeichnen könnte, in den obersten erhaltenen Grabenschichten bis an die Wende zum 2. Jahrtausend. Mit Maßnahmen zur Entsorgung von Siedlungsabfall können diese Vorgänge nicht erklärt werden.

Die zunächst unregelmäßig scheinende Form des Erdwerks erklärt sich aus der Absicht der Konstrukteure, eine möglichst lange, eindrucksvolle Präsentationsseite (Fassade) in südwestlicher Richtung zu schaffen. Bei einer mittig gedachten Symmetrieachse von Südwesten nach Nordosten durch die Anlage ordnen sich die Zugänge jeweils paarweise an; lediglich der Zugang im Norden nimmt eine Sonderstellung ein, die mit seiner abweichenden Architektur korrespondiert.

Erdwerk: Symmetrieachse

Abb. 12: Grundriß des Erdwerks, Symmetrieachse und Anordnung der Zugänge.

Fig. 12: Symmetrical arrangement of the gateways; note the western façade (Hauptzugang = main access).

© Dirk Raetzel-Fabian

Das spezielle Grundriß-Layout ist von einer Reihe weiterer Erdwerke belegt (u.a. Wittmar, Kr. Wolfenbüttel; Robin Hood’s Ball, Shrewton, GB) und zeigt, daß es sich nicht um ein Zufallsprodukt handelt. Es ist sehr wahrscheinlich, daß diese Fassade auf eine Fernverbindungsroute ausgerichtet war, die von der Hellwegzone im Raum Paderborn über Warburg ins Kasseler Becken führte und unmittelbar westlich des Erdwerks die günstigste Stelle zur Überwindung einer nordsüdlich verlaufenden Schichtstufe vorfand. Die fast regelhafte Gebundenheit monumentaler Erdwerke an frühe Fernverbindungen wird durch neue Untersuchungen bestätigt (Raetzel-Fabian 1999).

Auf der Basis dieser Beobachtungen entsteht das Bild einer Anlage, die durch deutliche rituelle Elemente gekennzeichnet ist. Der Zugang in das Innere des Erdwerks war offensichtlich mit einer besonderen Bedeutung verbunden, die mit Hilfe der Architektur gezielt in Szene gesetzt wurde. Skeletteile in den Gräben sprechen für eine Rolle des Erdwerks im Totenkult, wobei es sich im speziellen Fall aller Wahrscheinlichkeit nach um sekundäre Riten eines mehrstufigen Totenrituals handelt. Die Annahme, daß das Zentrum der primären Aktivitäten im Bereich der Innenfläche lag, ist naheliegend, leider jedoch nicht nachweisbar. Die Lage randlich zu den potentiellen Siedlungsgebieten auf einer Wasserscheide, die auch als Territoriumsgrenze interpretiert werden könnte, und die gezielte Ausrichtung auf eine Fernverbindungsroute macht deutlich, das die Intentionen der Erbauer gleichzeitig in besonderem Maße nach außen gerichtet waren. Neben Ritus und Totenkult müssen deshalb auch Faktoren wie Kommunikation, Repräsentation und Identität in die Interpretation monumentaler Erdwerke einbezogen werden.

 

Literatur

Höhn, Birgit:
Eine Höhensiedlung mit Erdwerk auf der Altenburg bei Ranstadt-Dauernheim/Wetteraukreis. Zum Stand der Forschung im Jungneolithikum Mittelhessens. In: Hans-Jürgen Beier (Hrsg.), Der Rössener Horizont in Mitteleuropa. Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas 6. Wilkau-Hasslau 1994, 109-126.

Pfeffer, Ingo:
Ein Spätmichelsberg-Komplex in Ostwestfalen: Der Gaulskopf bei Warburg-Ossendorf.
In: www.jungsteinsite.de - Artikel vom 14. November 1999.

Dirk Raetzel-Fabian:
Der umhegte Raum. Überlegungen zur Funktion monumentaler Erdwerke. In: Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte 81, 1999, 81-117.

Dirk Raetzel-Fabian:
Calden: Erdwerk und Bestattungsplätze des Jungneolithikums. Architektur - Ritual - Chronologie.
Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 70. Bonn 2000.