Das hallstattzeitliche Brandgräberfeld

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Gesine Weber

Abstract

The construction of the enclosure was a starting point for several exclusively ritual activities in the whole area. The most impressive evidence for this is an early Iron-Age cremation cemetery (Hallstatt C1) in the northern and eastern parts of the enclosure (Areas E and L). 29 cremations, most of which were plough-damaged, were excavated in the 1990-91 season. A small mortuary structure in the centre of the cemetery, consisting of six posts, was - probably deliberately - placed in the middle of the Neolithic gateway.

Das Gräberfeld

Im Zuge der Ausgrabungsarbeiten am neolithischen Erdwerk von Calden wurde in der Kampagne 1990 ein 27 Bestattungen umfassendes Brandgräberfeld der frühen Eisenzeit sowie der Grundriß eines kleinen Gebäudes angeschnitten (Abb. 1-2). Im folgenden Jahr konnten in 150 m Entfernung zwei weitere Grabreste geborgen werden (Areal L).

Das Brandgräberfeld konzentrierte sich im Bereich der nordöstlichen Unterbrechung des Erdwerks im unteren Hangbereich. In seiner topographischen Lage - etwas über der Talsohle an einem leicht geneigten Hang - entspricht der Bestattungsplatz den bekannten urnenfelder- und eisenzeitlichen Nekropolen Niederhessens.

Calden, hallstattzeitliches Brandgräberfeld

Abb. 1: Plan des Brandgräberfeldes im Bereich der Grabenunterbrechung 2 (Areal E).
Rechtecke: Urnengräber
Stehende Dreiecke: Brandschüttungen
Offene Signaturen: stark zerstörte Brandgräber
Grau unterlegt: Sechs-Pfosten-Bau

Fig. 1: Plan of the cremation cemetery in area E.
Squares, triangles: cremation graves
Grey: Iron Age funeral building with 6 posts
Open signatures: heavily destroyed features

© Dirk Raetzel-Fabian

3D-Darstellung der Architekturbefunde Abb. 2: 3D-Gegenüberstellung der neolithischen und eisenzeitlichen (weiß) Baubefunde bzw. Brandgräber.

Fig. 2: 3D-reconstruction of Neolithic and Iron Age structures (marked in white: funeral building, cremations).

© Dirk Raetzel-Fabian

Die Gräber lagen zumeist dicht beieinander. Ein Grab kann als Doppelbestattung einer erwachsenen Frau und eines 10-12-jährigen Kindes (Bestimmung Peter H. Blänkle, Offenbach) angesehen werden, die in zwei dicht nebeneinander stehenden Urnen beigesetzt wurden. Vorherrschende Grabform ist die des Urnengrabes, doch es wurden auch Brandschüttungen beobachtet. Aufgrund des hohen Zerstörungsgrades durch den Ackerbau konnte in vielen Fällen die Grabform nicht mehr bestimmt werden; das gleiche gilt für die Rekonstruktion der Gefäßformen.

Grab U 1 Eisenzeitliche Pfostensetzung

Abb. 3: Grab U1 während der Bergung (vgl. Abb. 5, links).

Fig. 3: Urn burial U 1 (cf. Fig. 5, left).

© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel

Abb. 4: Pfosten des eisenzeitlichen Gebäudes und Fundamentgräben des neolithischen Einbaus.

Fig. 4: Posts of the Iron Age building and Neolithic palisade trenches.

© Dirk Raetzel-Fabian / Staatliche Museen Kassel

Funde

Formenkundlich ansprechbar waren nur neun Gefäße aus 29 Bestattungen. Unter den Urnen überwiegen eiförmige Gefäße mit Tupfenrand. Sie lassen sich besonders mit den Wellrandgefäßen der früheisenzeitlichen Thüringer Kultur verknüpfen (vgl. Simon 1979; 1983). Zu den Beigabengefäßen zählen Becher, Tassen und Schalen, die z.T. urnenfelderzeitliche Traditionen erkennen lassen.

An Metallbeigaben wurden lediglich wenige, stark verschmolzene Bronzen geborgen. Dazu kamen Beigaben aus Stein, wie ein Roteisenstein und ein Quarzitabschlag. Ein aus der Holzkohle ausgelesener Schlehenkern könnte auf eine vegetabile Speisebeigabe hindeuten; verbrannte Tierknochen belegen eine Fleischbeigabe auf dem Scheiterhaufen.

Inmitten des Gräberfeldes stand ein sechspfostiges, etwa 2,70 x 2,50 m großes Gebäude, das SW-NO orientiert war. Südwestlich vor dem Gebäude lag eine gräberfreie Fläche. Vielleicht wurden in dem Gebäude die Toten vor der Verbrennung aufgebahrt.

Keramik (U 1, U 16)
Abb. 5: Gefäße aus den Bestattungen U 1 (links) und U 16. Höhe der Amphore (rechts) 26 cm.

Fig. 5: Pottery from the cremation graves U 1 (left) and U 16.

© Staatliche Museen Kassel (Zeichnung: Heidi Hogel)

Datierung

Die Caldener Urnen mit Tupfenrand können nach den Parallelen mehrheitlich in die Stufe Ha C 1 datiert werden. Die wenigen weiteren ansprechbaren Keramikformen unterstützen diesen Zeitansatz, auch wenn chronologische Differenzierungen anhand der Keramiktypologie in der frühen Eisenzeit in Nordhessen, wie auch den nördlich angrenzenden Gebieten, fast unmöglich ist. Das weitgehende Fehlen von Metallbeigaben ist für die früheste Eisenzeit Nordhessens charakteristisch. Ein 14C-Datum von Fundstelle E/U1 belegt ebenfalls die Datierung in die früheste Stufe von Ha C. Drei Gräber mit kamm- oder besenstrichverzierten Gefäßen können in einen jüngeren Abschnitt der Hallstattzeit datiert werden.

Verbindungen zum Erdwerk?

Bemerkenswert ist die Lage des Gräberfeldes in einer Grabenunterbrechung des neolithischen Erdwerks. Der hallstattzeitliche Pfostenbau überlagert dabei den mittleren Bereich des neolithischen Zugangsgebäudes (Abb. 2, 4). Die Bestattungen konzentrierten sich nach dem momentanen Forschungsstand im Bereich der Grabenköpfe und der Einbauten; der Erdwerksinnenraum ist fast bestattungsfrei. Auch das urnenfelder- und früheisenzeitliche Gräberfeld von Edertal-Bergheim, Kr. Korbach, lag im Bereich eines neolithischen Erdwerks (Gensen 1990, 352-353), allerdings in seinem Innenraum. Vermutlich waren in der frühen Eisenzeit obertägig noch Spuren der neolithischen Anlagen zu erkennen, sei es durch Geländestrukturen oder Bewuchsmerkmale; möglicherweise wußte man auch noch um die Existenz dieser „magischen Orte".

 

Literatur

Gensen, Rolf:
Edertal-Bergheim. In: Fritz-Rudolf Herrmann / Albrecht Jockenhövel (Hrsg.), Die Vorgeschichte Hessens (Stuttgart 1990), 352-353.

Simon, Klaus:
Horizontalstratigraphische Beobachtungen auf früheisenzeitlichen Gräberfeldern der Thüringischen Kultur zwischen Ilm und Finne. Alt-Thüringen 16, 1979, 26-87.

Simon, Klaus:
Früheisenzeitliche Hügelgräber an der unteren Unstrut. Alt-Thüringen 18, 1983, 111-125

Weber, Gesine:
Metallzeitliche Aktivitäten im Untersuchungsgebiet. In:
Dirk Raetzel-Fabian: Calden: Erdwerk und Bestattungsplätze des Jungneolithikums. Architektur - Ritual - Chronologie.
Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 70. Bonn 2000, 271-282.